Grenzenlose Verantwortung: Was tun, wenn die Fährte nach dem Schuss das Nachbarrevier kreuzt?
Der Schuss sitzt – doch die Schweissfährte führt direkt über die Reviergrenze. Ein Moment, der jede Jägerin und jeden Jäger vor eine schwierige Entscheidung stellt. Darf man dem Stück sofort folgen oder gilt es, erst den Reviernachbarn zu informieren? Erfahre, wie du in dieser Situation waidgerecht, verantwortungsvoll und rechtlich korrekt handelst.
Wenn jede Minute zählt
Das Herz schlägt schneller, während du dem roten Band aus Schweissfährte durch den
Wald folgst. Jeder Tropfen erzählt die Geschichte des Treffers und bestätigt, dass das Stück weitergezogen ist. Plötzlich bleibst du stehen. Vor dir markiert ein alter Grenzstein den Übergang ins Nachbarrevier – und die Fährte verschwindet genau dort zwischen den
Bäumen.
Jetzt beginnt einer der schwierigsten Momente nach dem Schuss.
Der Instinkt sagt dir, sofort weiterzugehen. Schliesslich soll das verletzte Wild nicht unnötig leiden. Gleichzeitig gelten an der Reviergrenze klare Regeln. Wer jetzt überstürzt handelt, kann sich nicht nur selbst in Schwierigkeiten bringen, sondern erschwert unter Umständen auch eine geordnete Nachsuche.
Gerade in solchen Situationen zeigt sich, was verantwortungsbewusstes und waidgerechtes Jagen ausmacht.
Zwischen Tierschutz und Jagdrecht
Nach einem Treffer steht das Wohl des Wildes immer an erster Stelle. Ein verletztes Tier soll möglichst schnell gefunden und erlöst werden. Gleichzeitig regelt das Jagdrecht eindeutig, wer in welchem Revier jagdausübungsberechtigt ist.
Genau hier entsteht das Spannungsfeld.
Viele Jäger glauben, sie dürften einer Schweissfährte ohne Weiteres über die Reviergrenze folgen. So einfach ist es jedoch nicht. Die konkreten Bestimmungen unterscheiden sich je nach Kanton beziehungsweise Jagdsystem. Deshalb ist es wichtig, die für das eigene Revier geltenden Vorschriften genau zu kennen.
Der wichtigste Grundsatz lautet: Ruhe bewahren und nicht eigenmächtig handeln.
Wildfolge – dafür gibt es klare Regeln
Für genau solche Situationen existiert die sogenannte Wildfolge. Sie regelt, wie nach einem Schuss vorzugehen ist, wenn das Wild die Reviergrenze überschreitet.
Grundsätzlich lassen sich zwei Situationen unterscheiden.
Das Stück liegt sichtbar hinter der Grenze
Kannst du eindeutig erkennen, dass das Wild bereits verendet ist und unmittelbar hinter der Grenze liegt, gelten vielerorts vereinfachte Regelungen. Dennoch sollte der zuständige Revierinhaber so rasch wie möglich informiert werden.
Das Wild ist weitergezogen
Verschwindet die Schweissfährte im Bestand und ist unklar, wo das Stück liegt, heisst es
zunächst: anhalten.
Jetzt beginnt keine weitere Verfolgung auf eigene Faust. Stattdessen sollte umgehend der
zuständige Revierinhaber oder Jagdberechtigte kontaktiert werden, damit die Nachsuche
koordiniert erfolgen kann.
Wer bereits im Vorfeld eine Wildfolgevereinbarung mit den Nachbarrevieren getroffen hat,
erspart sich in dieser Situation wertvolle Zeit – und dem Wild möglicherweise unnötiges
Leiden.
Was du an der Reviergrenze tun solltest
Stell dir vor, du stehst noch immer am Grenzstein. Die Fährte führt weiter, doch jetzt
entscheidet besonnenes Handeln über den weiteren Verlauf.
Folgende Schritte haben sich bewährt:
1. Ruhe bewahren
Auch wenn der Drang gross ist weiterzugehen: Bleibe zunächst an der Grenze.
2. Anschuss und Fährte markieren
Kennzeichne den letzten sicheren Schweisspunkt oder den Grenzübertritt deutlich. Das
erleichtert später dem Nachsuchenführer die Arbeit.
3. Waffe sichern
Während auf Rückmeldung gewartet wird, sollte die Waffe entladen beziehungsweise
gesichert werden. Das schafft Klarheit und vermeidet Missverständnisse.
4. Reviernachbarn informieren
Eine gespeicherte Telefonnummer im Mobiltelefon spart jetzt wertvolle Zeit. Erkläre ruhig
den Hergang und stimme das weitere Vorgehen gemeinsam ab.
5. Nachsuchengespann einsetzen
Ist der Fluchtweg unklar oder besteht Unsicherheit über den Treffer, sollte möglichst früh ein erfahrenes Schweisshundegespann hinzugezogen werden. Eine professionelle Nachsuche erhöht die Erfolgschancen erheblich und verhindert unnötiges Leiden.
Gut vorbereitet spart Zeit
Viele Grenzsituationen lassen sich deutlich entspannter bewältigen, wenn die passende Ausrüstung griffbereit ist.
Hilfreich sind unter anderem:
- biologisch abbaubares Fährtenband zum Markieren der Schweissfährte
- eine leistungsstarke Stirnlampe für Dämmerung und Nacht
- GPS-Ortung für Nachsuchenhunde
- Ersatzakkus oder Batterien
- Handschuhe und Markierungsband
Es sind oft die kleinen Dinge, die im entscheidenden Moment den Unterschied machen.
Mythos oder Wahrheit?
"Ich darf dem Stück einfach folgen." Falsch.
Ob eine Reviergrenze überschritten werden darf, richtet sich nach den jeweiligen
gesetzlichen Bestimmungen und den Vereinbarungen zwischen den Revieren.
"Der Nachbar muss mir das Wild überlassen." Ebenfalls nicht grundsätzlich.
Wer das Aneignungsrecht am Wild hat, richtet sich nach den geltenden jagdrechtlichen
Vorschriften. In der Praxis finden viele Nachbarn eine faire Lösung – einen automatischen
Anspruch gibt es jedoch nicht.
Gute Nachbarschaft beginnt vor dem Ernstfall
Die beste Wildfolge beginnt nicht erst nach dem Schuss, sondern lange vorher.
Wer die Kontaktdaten der Nachbarreviere kennt, Absprachen trifft und das Vorgehen
gemeinsam regelt, spart im Ernstfall wertvolle Zeit. Davon profitieren alle Beteiligten – vor
allem aber das Wild.
Fazit
Eine Schweissfährte, die über die Reviergrenze führt, gehört zu den anspruchsvollsten
Situationen im Jagdalltag. Gerade dann sind Ruhe, Umsicht und gegenseitiger Respekt
gefragt. Wer die geltenden Vorschriften kennt, frühzeitig den Reviernachbarn einbindet und eine professionelle Nachsuche organisiert, handelt nicht nur rechtlich korrekt, sondern vor allem waidgerecht.
Denn am Ende zählt nicht, in welchem Revier das Stück liegt – sondern dass alles getan wurde, um unnötiges Leiden zu vermeiden.