Wildäcker – ein Mehrwert für alle
- Wild & Revier
Viele denken beim Thema Wildacker in erster Linie an ein verbessertes Äsungsangebot für unser Schalenwild. Doch ein Wildacker kann viel mehr.
Viele denken beim Thema Wildacker in erster Linie an ein verbessertes Äsungsangebot für unser Schalenwild. Doch ein Wildacker kann viel mehr. Wer ihn geschickt und standortgerecht anlegt, kann das Wild im Jagdgebiet lenken und vielen Arten Sicherheit und Nahrung bieten. Auf was dabei zu achten ist und wie dies mit verhältnismässig einfachen Mitteln und überschaubarem Aufwand geht, erklärt uns Berufsjäger Gianni Parpan.
Planung beginnt im Kopf
Ein guter Wildacker reift im Kopf des Jägers. Es ist lohnenswert, sich im Vorfeld Gedanken zu machen, was wir mit unserem Wildacker in welcher Jahreszeit erreichen wollen. Welche Strukturen im Revier wollen wir für welche Wildart verändern? Geht es um Nahrung, Sicherheit oder z.B. um Thermoregulation? Welche Flächen bieten sich aufgrund des Waldbildes, der Topografie oder der Bodenbeschaffenheit an? Welche Standorte bieten Ruhe, sind aber trotzdem einigermassen gut mit einer Zufahrt zur Bearbeitung erschlossen? Im Idealfall sollte der Jäger ein paar Jahre im entsprechenden Revierteil jagen, um die Gewohnheiten des Wildes und die Defizite, was Nahrung und Sicherheit anbelangt, auch revierübergreifend zu kennen.
Den Bedürfnissen des Wildes anpassen
Dient der Wildacker in erster Linie als Nahrungsquelle, ist der Nahrungsanspruch der Leit- oder Hauptwildart prioritär. Diese werden exemplarisch repräsentiert durch die Wiederkäuer, angefangen vom Reh als Konzentratselektierer über das Rotwild als Intermediärtyp bis hin zum Muffelwild als weitgehenden Rauhfutterfresser. Unser Schwarzwild als Allesfresser ist in dieser Hinsicht weniger anspruchsvoll, da entscheidet eher die persönliche Vorliebe der Leitbache.
Dient der Acker als Deckung und Sicherheit, spielt vor allem der Zeitraum eine wichtige Rolle. Soll er bereits im Juni Jungtieren Deckung und Schutz bieten oder seine volle Wirkung erst in der vegetationsarmen Zeit in den Wintermonaten für alle entfalten? Soll er so strukturiert sein, dass er vorwiegend zur «Luftabwehr von Raubvögeln» dient, oder doch eher Bodenprädatoren und den kalten Wind fernhalten?
Standort auswählen
Ein guter Standort bietet dem Wild die Möglichkeit einer regelmässigen Nahrungsaufnahme in Ruhe auch bei Tage. Längere oder gefährliche (z.B überqueren von Strassen) sowie störungsanfällige Wanderungen zum entsprechenden Wildackerstandort sollten unbedingt vermieden werden.
Jeder Wildacker muss ausreichend mit Licht versorgt sein. Die Beschattung auf die Fläche darf deshalb nicht zu hoch sein. Liegt diese höher als 40 %, ist der Standort meist ungeeignet. Bei engen Waldschneisen ist dies des Öfteren der Fall. Lange Schneisen als Äsungsflächen haben darüber hinaus den Nachteil, dass sie weit einsehbar sind. Die Störungen für das Wild durch Waldbesucher sind daher deutlich höher als bei versteckt gelegenen Flächen im Einstand.
Gezielt eingesetzt, kann die Beschattung aber auch Vorteile bieten. Unerwünschte Ackerkräuter, die den eigentlichen Wildackerpflanzen nur unnötig Nährstoffe rauben, können durch Beschattung beispielsweise unterdrückt werden.
Bodenbeschaffenheit prüfen
Die Nährstoffversorgung des Bodens sollte für einen guten Wildacker mit viel Biomasse möglichst ausgewogen sein. Häufig besteht bei so genannten Rohböden im Wald ein Mangel an den Hauptnährstoffen Kalk, Phosphor, Kalium und Magnesium. Um die Nährstoffversorgung des Bodens verlässlich zu prüfen, empfiehlt es sich grundsätzlich, eine Bodenprobe zu nehmen und diese in ein Labor einzuschicken. Fragen Sie den Landwirt Ihres Vertrauens in der Umgebung, wer in Ihrem Bezirk solche professionellen Bodenanalysen macht. Eine solche gibt im Detail Auskunft darüber, welche Nährstoffe im Boden enthalten sind und welche eventuell durch Düngung hinzugefügt werden müssen. Auch der genaue pH-Wert des Bodens wird im Rahmen einer solchen Analyse ermittelt. Für die Anlage eines Wildackers sollte dieser zwischen 5,3 und 7,0 liegen. Ich habe mehrmals die Erfahrung gemacht, dass sehr saure Waldböden, zum Beispiel in Fichtenreinbeständen, trotz entsprechender Kalkung durch die Jäger, 1-3 Jahre brauchten, um sich so zu erholen, bis sie sich für eine gute Wildackerbewirtschaftung überhaupt eigneten.
Boden vorbereiten
Damit das Saatgut zuverlässig aufkommt, muss der Boden vor der Ausbringung gut vorbereitet werden. Hat die Bodenanalyse ergeben, dass Kalkmangel herrscht, muss dieser als Erstes behoben werden. Auf tonigen Böden bietet sich das Ausstreuen von gekörntem Branntkalk an. Ist der Boden eher sandig, greift der Waidmann am besten auf kohlensauren Kalk zurück. Steht noch hoher Pflanzen-Altaufwuchs auf der Fläche, ist dieser vor der Bestellung zu schlegeln und gut in den Boden einzuarbeiten oder abzuführen. Erst kurz vor der Einsaat sollte der Boden gründlich umgebrochen werden. Je kürzer die Zeitspanne dazwischen ist, desto besser wird das Unkraut unterdrückt. Zum Umbrechen eignet sich in der Regel ein Pflug, nur bei sehr flacher Humusschicht empfiehlt sich eine Fräse. Am besten lässt man den Boden nach dem Umbrechen etwas trocknen, um Bodenverdichtungen zu vermeiden. In der Praxis hat sich gezeigt, dass leichte Ausführungen von der Scheiben-Egge oder des Grubbers sich auch perfekt an ein Quad montieren lassen. Neben der kleineren Bodenverdichtung sprechen vor allem die höhere Fahrgeschwindigkeit und Wendigkeit für ein Quad gegenüber einem Kleintraktor.
Saatgutmischung richtig wählen
Es gibt viele verschiedene fertige Saatmischungen auf dem Markt und die meisten sind bereits darauf ausgelegt, dass sie dem Wild, ab Sommer bis in den späten Winter hinein Schutz und Äsung bieten können. Der Anbau üblicher Feldfrüchte wie z. B. Mais, Kartoffeln, Rüben oder Rotkohl eignet sich nicht bei Wildäckern im Wald. Wer Wildäcker mit diesen Feldfrüchten im Wald als Ablenkung in Konkurrenz zur intensiven landwirtschaftlichen Nutzung anlegen möchte, löst fast immer Wildkonzentrationen und die damit verbundenen Probleme in der nahen Umgebung aus. Unter dem Blickwinkel der Vielfalt sind ältere autochthone Pflanzen wie Buchweizen, Hafer und Waldstaudenroggen ideale Wildackerpflanzen im Waldrevier. Auch die Futtererbse lockt vor allem Schwarzwild an, so dass der Anbau in Verbindung mit der Wildschadenverhütung im Feld hilfreich und attraktiv sein kann.
Saatgut ausbringen
Beim Ausbringen des Saatguts gilt es den Aussaat-Zeitpunkt und die Ablagetiefe zu beachten. Beide variieren je nach verwendeter Saatgutmischung. Ob das Saatgut mit der Sämaschine oder von Hand per 3-Finger-Wurf ausgebracht wird, spielt nicht so eine grosse Rolle. Wird es allerdings von Hand ausgebracht, muss es ca. 2 cm tief mit der Egge eingearbeitet werden. Leichte Böden erfordern zudem eine Verfestigung mit der Walze. Die Erfahrung hat gezeigt, dass bei der Handaussaat die Ausfälle höher sind als bei der Maschinensaat. Daher ist es ratsam, pro Hektar 15 bis 20 % mehr zu säen bei der Aussaat von Hand.
Wildacker pflegen
Damit der Wildacker langfristig den gewünschten Nutzen bringt, ist eine fachgerechte Pflege erforderlich. Neben einer allfälligen Düngung müssen wir uns vor allem um die jährliche Neubestellung bei einjährigen Mischungen kümmern sowie um das Freischneiden bei zunehmender Beschattung. Betreffend Düngung kann man sagen, dass die Stickstoffdüngung zwar zu stärkerem Wachstum der Gräser führt, aber die Kräuter zurückgedrängt werden, so dass die Attraktivität für das Wild nachlässt. Natürlich kennen die meisten Jäger die auf bestimmte Wochen begrenzte Attraktivität der intensiv gedüngten Flächen in der Feldflur. Diese Flächen in der Landwirtschaft sind im Frühjahr als erste grün und wirken deshalb kurzfristig oft wie ein Magnet auf das Wild. Bezogen auf das gesamte Jahr sind es aber artenärmere Flächen – vor allem, wenn sie zusätzlich durch Gülle-Entsorgung überdüngt werden und zur Löwenzahnblüte flächendeckend knallgelb leuchten - weniger ergiebig.
Störung durch Jagd
Verschiedene Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass kleine, versteckt angelegte Äsungsflächen ohne Bejagung in den Einstandsbereichen sowohl dem Wild als auch dem Wald zugutekommen. Der Grundsatz, dass an gewünschten Äsungsflächen kein Schuss fällt, sollte der Waidmann sowieso immer und überall befolgen, dies gilt insbesondere auch für den Wildacker. Ist ein Abschuss doch einmal unumgänglich, z.B. für einen Hegeabschuss, sollte darauf geachtet, dass keine «Zeugen» diese Entnahme auf der entsprechenden Fläche mitbekommen. Wildäcker oder auch Grünäsungsflächen im Wald können ihre Funktion nur erfüllen, wenn sie auch als solche zur Verfügung stehen und nicht als Abschussrampe „belagert“ werden. Für Wildtiere geht im Zweifel Sicherheit immer vor Nahrung. Jede Wildart kann man folglich so lenken durch Ruhe und Äsung.
Dokumentation
In meinen Augen lohnt es sich, einige Sachen zu dokumentieren. Zum einen ist die Nutzung des Ackers jahreszeitlich bedingt und artenspezifisch, dies geht am besten mit Fotofallen, die Bilder aufs Handy senden. So war mir zum Beispiel lange nicht bewusst, dass erfahrene Rehböcke nach der Brunft gezielt und eindeutig vermehrt Wildäcker aufsuchen, um sich nach der kräftezehrenden Paarungszeit wieder eine gute Kondition anzuäsen. Dieser Trick der Böcke im August hat vornehmlich auch Auswirkungen auf die Geweihbildung in den kommenden Wintermonaten.
Zum anderen lohnt sich auch mal ein störungsfreier Pirschgang oder Ansitz am Wildacker, um zu überprüfen, welche Pflanzen mit Vorliebe genutzt werden und welche in dieser Jahreszeit uninteressant sind. Und zu guter Letzt ist es empfehlenswert, die Position von Wildäckern und Äsungsflächen im Allgemeinen in der Revierkarte einzutragen, um Übersicht zu gewinnen.
Als Richtwert sollten dem Wild zwei bis drei Prozent der Waldrevierfläche sinnvoll verteilt als eigens angelegte bzw. gepflegte Äsungsflächen zur Verfügung stehen. Darüber hinaus fällt auf der Karte auch eher auf, wenn Äsungsflächen auf falschen Standorten liegen. So braucht man sich zum Beispiel im Mittelgebirge über starke Schälschäden an der Fichte in Südhanglage nicht zu wundern, wenn die Äsungsflächen ausgerechnet auf den Nordhängen liegen und deshalb wegen des kälteren Klimas im Winter gemieden werden.