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Praxistest: Pulsar Oryx LRF XG35 – Wenn die Nacht plötzlich mehr erzählt

von Kim
Ein Collage-Bild zeigt links die Jägerin Kim mit dem Gerät im Wald och rechts das Pulsar Oryx LRF XG35 auf felsigem Untergrund mit Pflanzen.png


⁠Die Sonne ist längst hinter dem Waldrand verschwunden. Über den Feldern liegt noch die Wärme des Tages, während die ersten kühleren Luftzüge durch das hohe Gras ziehen. Mit blossem Auge ist kaum noch zu erkennen, was sich am gegenüberliegenden Feldrand bewegt.

Dann nehme ich das Pulsar Oryx LRF XG35 in die Hand.

Im Display wird aus einem unscheinbaren Schatten eine klar erkennbare Bewegung. Wenige Augenblicke später zeigen sich weitere Wärmesignaturen. Erst jetzt wird sichtbar, wie viel Aktivität in der Landschaft stattfindet, obwohl die Nacht für das menschliche Auge längst begonnen hat.

Getestet habe ich das Oryx unter sehr unterschiedlichen Bedingungen: auf der Berner Jagd sowie in Revieren in Deutschland und Frankreich. Der Wechsel zwischen offenem und teils anspruchsvollem Gelände, Waldgebieten und weitläufigen Feldflächen hat mir gezeigt, wie vielseitig ein Wärmebildgerät in der jagdlichen Praxis und beim Wildmonitoring eingesetzt werden kann.

Genau darin liegt für mich die Stärke moderner Wärmebildtechnik: Sie macht nicht einfach die Dunkelheit heller. Sie hilft dabei, Wildbewegungen frühzeitig zu entdecken, Situationen länger zu beobachten und Zusammenhänge in unterschiedlichen Jagdgebieten besser zu verstehen.

Ich habe besonders darauf geachtet, wie sich das Pulsar Oryx LRF XG35 bei Handhabung, Bildqualität, Entfernungsmessung und längeren Beobachtungen bewährt.

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Der erste Eindruck: kompakt, robust und schnell vertraut

Bereits beim ersten Griff wirkt das Oryx angenehm kompakt. Trotz des integrierten Laser-Entfernungsmessers liegt das Gerät ausgewogen in der Hand und fühlt sich nicht unnötig schwer an.

Die Bedienelemente befinden sich gut erreichbar auf der Oberseite. Nach kurzer Eingewöhnung lassen sich die wichtigsten Funktionen auch bei Dunkelheit sicher mit einer Hand bedienen. Besonders angenehm finde ich die haptische Rückmeldung: Eine kurze Vibration bestätigt die Eingabe, ohne dass ich ständig auf die Tasten schauen muss.

In der Praxis gefällt mir besonders, wie ruhig der Wechsel zwischen Beobachtung und jagdlicher Handlung gelingt. Mit dem Trageriemen um den Hals kann ich das Oryx nach der Beobachtung kontrolliert vor der Brust absenken. Das Gerät bleibt sicher am Körper, während beide Hände rasch wieder frei sind.

So muss ich das Wärmebildgerät im Dunkeln nicht erst umständlich verstauen. Ich kann eine Situation in Ruhe beobachten, das Oryx absenken und, falls nach sorgfältigem Ansprechen überhaupt eine eindeutige und verantwortbare jagdliche Situation entsteht, das Gewehr kontrolliert aufnehmen.

Auch mit Handschuhen bleibt die Bedienung gut kontrollierbar. Durch die symmetrische Bauweise lässt sich das Gerät sowohl rechts als auch links bequem führen.

Gerade bei längeren Beobachtungen zeigt sich, wie wichtig solche kleinen Details sind. Ein Gerät kann technisch noch so leistungsfähig sein, wenn es schlecht in der Hand liegt oder umständlich zu bedienen ist, verliert man draussen schnell die Geduld.

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Bildqualität: Jagdgebiete neu sehen

Das Herzstück des Oryx LRF XG35 ist der Wärmebildsensor mit 640 × 480 Pixeln. In Verbindung mit dem 35-mm-Objektiv entsteht ein detailreiches Bild mit einem angenehm breiten Sehfeld.

Beim Absuchen grösserer Wiesen, Feldränder, Waldlichtungen oder offener Hänge fällt mir sofort auf, wie viel Umgebung im Bild bleibt. Ich blicke nicht nur durch einen engen Ausschnitt, sondern erhalte einen guten Überblick über die gesamte Situation.

Einzelne Wärmesignaturen lassen sich schnell entdecken, ohne dass ich das Gerät hektisch hin und her bewegen muss. Gleichzeitig bleiben bei näherer Beobachtung genügend Details erhalten, um Bewegungsrichtung, Körperhaltung und Gruppengrösse besser einzuschätzen.

Gerade auf der Berner Jagd, wo das Gelände je nach Jagdgebiet weitläufig sein kann, empfinde ich das breite Sehfeld als grossen Vorteil.

Besonders hilfreich ist für mich die digitale Bildstabilisierung. Kleine Bewegungen der Hand werden sichtbar reduziert, wodurch das Bild ruhiger wirkt. Das macht sich vor allem bei längeren Beobachtungen und bei höherer Vergrösserung bemerkbar.

Wärmebildaufnahme des Pulsar Oryx LRF XG35. Zwei Rehböcke stehen auf einem offenen Feld.png

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Wenn Wetter und Umgebung mitreden

In einer warmen, feuchten Sommernacht sind die Temperaturunterschiede zwischen Wild und Umgebung oft geringer als an einem kalten Winterabend. Genau unter solchen Bedingungen zeigt sich die Qualität eines Wärmebildgeräts.

Das Oryx liefert auch bei feuchter Luft noch kontrastreiche Bilder. Dennoch bleibt wichtig: Wärmebildtechnik kann keine Hindernisse wegzaubern. Hohes Gras, Äste, dichter Bewuchs oder Geländekanten können Wild teilweise oder vollständig verdecken.

Das Gerät zeigt, was thermisch sichtbar ist. Es ersetzt weder Geduld noch Erfahrung oder die Kenntnis des jeweiligen Jagdgebiets.

Screenshot einer Wärmebildaufnahme mit dem Pulsar Oryx LRF XG35, auf der ein Dachs auf einem Feld zu sehen ist.png

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Beobachten statt vorschnell entscheiden

Im Einsatz wurde schnell klar, dass das Oryx vor allem ein starkes Beobachtungsinstrument ist.

Wild lässt sich frühzeitig entdecken, ohne dass ich näher herangehen oder unnötige Unruhe verursachen muss. Bewegungsmuster können über längere Zeit verfolgt und Gruppen in Ruhe beobachtet werden.

Gerade bei Schwarzwild ist längeres Beobachten entscheidend. Eine einzelne Wärmesignatur sagt noch wenig über die tatsächliche Situation aus. Erst mit der Zeit zeigt sich, ob weitere Tiere folgen, wie sich eine Rotte zusammensetzt und welche Rolle einzelne Tiere innerhalb der Gruppe einnehmen.

Das Oryx liefert mir dafür zusätzliche Informationen. Die Verantwortung für die richtige Beurteilung bleibt jedoch immer bei mir als Anwenderin.

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Der Laser-Entfernungsmesser: Orientierung auf Knopfdruck

Nachts wirken Entfernungen oft völlig anders als am Tag. Ein Feldrand scheint nah, ein Tier weiter entfernt  und nicht selten täuscht der erste Eindruck.

Der integrierte Laser-Entfernungsmesser schafft hier Klarheit. Mit einem Tastendruck kann ich die Distanz zu einem Tier, einer Geländekante, einem Waldrand oder einem anderen markanten Punkt bestimmen.

Besonders praktisch finde ich den Scan-Modus. Dabei wird die Entfernung fortlaufend aktualisiert, wenn sich das Ziel bewegt oder der Messpunkt verändert wird.

Auf der Berner Jagd hilft mir diese Funktion dabei, Entfernungen in offenem und wechselndem Gelände besser einzuordnen. In den Revieren kann ich damit Abstände zu Wildwechseln, Waldrändern oder häufig genutzten Flächen genauer dokumentieren und bei späteren Beobachtungen vergleichen.

Der Entfernungsmesser schafft Orientierung. Er ersetzt jedoch keine sorgfältige Beurteilung des Geländes und der gesamten Situation.

Screenshot des Pulsar Oryx LRF XG35 mit dem integrierten Laser-Entfernungsmesser, der ein Reh auf dem Feld in 57 Metern Entfernung anzeigt.png

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Lange Nächte ohne ständigen Blick auf den Akku

Bei längeren Beobachtungen möchte ich mich auf das Geschehen draussen konzentrieren und nicht permanent den Akkustand kontrollieren.

Das Oryx arbeitet mit einem Dual-Akkusystem aus einem integrierten Akku und einem wechselbaren APS-5-Akku. Laut Hersteller sind damit unter geeigneten Bedingungen bis zu zwölf Stunden Betriebszeit möglich.

Im Einsatz erwies sich das System als angenehm unkompliziert. Der externe Akku lässt sich wechseln, während das Gerät weiterläuft. Besonders bei langen Beobachtungsnächten, tiefen Temperaturen oder ausgedehnten Jagdtagen ist das für mich ein praktischer Vorteil.

Wie lange die Akkus tatsächlich halten, hängt von der Nutzung ab. Entfernungsmesser, Wi-Fi, Videoaufnahmen, Aussentemperatur und Displayhelligkeit beeinflussen den Verbrauch.

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Beobachtungen festhalten und gemeinsam auswerten

Wildbeobachtung endet heute nicht mehr zwingend mit dem Ausschalten des Geräts.

Das Oryx besitzt einen internen Speicher für Fotos und Videos. Dadurch kann ich besondere Situationen dokumentieren und später noch einmal in Ruhe auswerten.

Über die Stream Vision 2 App lässt sich das Wärmebild zudem auf ein Smartphone oder Tablet übertragen. Das ist besonders praktisch, wenn mehrere Personen gemeinsam beobachten. Statt das Monokular ständig weiterzureichen, kann eine zweite Person die Situation direkt auf dem Bildschirm mitverfolgen.

Auch für die Dokumentation verschiedener Jagdgebiete bietet diese Funktion einen Mehrwert. Aufnahmen lassen sich später vergleichen und zur Beurteilung von Wildbewegungen, Aktivitätszeiten oder häufig genutzten Flächen verwenden.

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Technische Daten im Überblick

Merkmal

Spezifikation

Sensor

640 × 480 Pixel bei 12 µm

System-NETD

< 20 mK

Objektiv

F35 / 1.0

Vergrösserung

2,5- bis 20-fach

Sehfeld

21,9 m auf 100 m

Display

AMOLED, 1024 × 768 Pixel

Entfernungsmesser

bis 1’500 m, Genauigkeit ± 1 m

Interner Speicher

64 GB

Betriebsdauer

bis zu 12 Stunden bei 22 °C

Akkusystem

integrierter Akku plus wechselbarer APS-5-Akku

Schutzklasse

IP67

Gewicht

ca. 500 g

App

Stream Vision 2

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Mein Fazit

Das Pulsar Oryx LRF XG35 hat mich vor allem durch die Kombination aus breitem Sehfeld, detailreicher Darstellung und präziser Entfernungsmessung überzeugt.

Im offenen oder anspruchsvollen Gelände unterstützt es bei der Orientierung und beim grossflächigen Absuchen. Im Revier hilft es dabei, bekannte Wildwechsel, Feldränder und Aktivitätsmuster über längere Zeit zu beobachten und zu dokumentieren.

Seine grösste Stärke liegt für mich jedoch nicht allein in den technischen Daten. Sie liegt darin, Situationen früher zu erkennen und länger beobachten zu können, ohne unnötig in den Lebensraum des Wildes einzugreifen.

Das Oryx liefert zusätzliche Informationen und schafft Übersicht. Es ersetzt aber weder Erfahrung noch Geduld oder ein sorgfältiges Ansprechen.

Richtig eingesetzt wird es damit zu einem wertvollen Werkzeug für die moderne und verantwortungsvolle Wildbeobachtung.

Waidmannsheil
Kim