Kostenloser Versand ab CHF 199.-

Jagdmesser in der Praxis: Klingenwahl, Waidbesteck und Abfangmesser

von Kim


⁠Der Schuss fiel im letzten Büchsenlicht. Das Stück liegt am steilen Hang im nassen Farn. Es ist klamm, der Atem dampft in der Kälte und die Finger werden nach dem langen Sitzen langsam steif. Genau jetzt greifst du an den Gürtel und ziehst die Klinge aus der Scheide.
⁠
⁠Wenn du in diesem Moment feststellst, dass die Klinge nach dem Öffnen der Decke stumpf über das Bindegewebe schmiert, oder wenn dir der Griff voll Schweiss und Nässe in der Hand rutscht, zeigt sich der wahre Wert deiner Ausrüstung. Ein Messer ist kein Dekorationsstück für den Stammtisch. Es ist dein primäres Werkzeug nach dem Schuss.
⁠
⁠Doch welcher Schnitt verlangt welches Werkzeug? Zwischen dem traditionellen Waidbesteck, dem handlichen Aufbrechmesser und der langen Klinge zum Abfangen liegen Welten.
⁠

Das klassische Aufbrechmesser: Form schlägt Länge

Ein weit verbreiteter Irrtum auf der Jagd betrifft die Klingenlänge. Viele Jungjäger glauben, für starkes Wild brauche man zwingend eine Klinge von 12 oder 15 Zentimetern. In der Praxis erweist sich das Gegenteil als wahr.
⁠
⁠Für die Rote Arbeit an Rehwild, Gamswild oder Schwarzwild reicht eine Klingenlänge zwischen 8 und 10 Zentimetern völlig aus. Längere Klingen verlagern den Schwerpunkt zu weit nach vorne. Du verlierst das Gefühl für die Klingenspitze, wenn du im Brustraum arbeitest oder das Schloss öffnest.
⁠
⁠Bei der Klingenform hat sich die Drop Point Form bewährt. Der Klingenrücken fällt zur Spitze hin leicht konvex ab. Dadurch wandert die Spitze etwas nach unten, was die Gefahr drastisch senkt, beim Öffnen der Bauchdecke versehentlich den Pansen oder das Gescheide anzustechen.
⁠
⁠Einige Jäger schwören auf eine feste Aufbrechklinge mit abgestumpfter Spitze oder eine zusätzliche Aufreissklinge. Wer viel im Liegen am Hang aufbricht, profitiert von dieser Führung. Wer die Schnittführung beherrscht und den Zeigefinger schützend über den Klingenrücken legt, kommt mit einer sauberen Drop Point Klinge durch jedes Stück Schalenwild.

⁠

Feststehende Klinge oder Klappmesser?

Beide Bauarten haben ihre Berechtigung, verlangen aber unterschiedliche Kompromisse.
⁠
⁠Ein feststehendes Messer mit durchgehendem Erl (Full Tang) bietet kompromisslose Stabilität. Wenn du bei einem älteren Stück Schwarzwild das Schloss nicht exakt in der Naht triffst und etwas hebeln musst, hält eine starre Klinge dieser Belastung stand. Der entscheidende Punkt liegt jedoch in der Hygiene. In einen Spalt zwischen Griffschale und Klinge setzt sich kein Schmutz fest, wenn die Konstruktion geschlossen ist. Nach getaner Arbeit spülst du das Messer mit heissem Wasser ab und ziehst es ab.
⁠
⁠Klappmesser punkten beim Packmass. Auf der Patentjagd im Hochgebirge, wo du bei jedem Aufstieg auf das Gewicht deines Rucksacks achtest, spart ein schlankes Klappmesser Platz.
⁠
⁠Der Nachteil des Klappmessers zeigt sich beim Reinigen. Fett, Haare und geronnener Schweiss dringen in die Achse, den Arretierungsmechanismus und die Griffschalen ein. Wer ein Klappmesser führt, muss bereit sein, das Werkzeug nach jedem Aufbrechen gründlich mit Bürste und warmem Wasser auszuwaschen. Eine Klingenarretierung, beispielsweise über einen soliden Back Lock oder Frame Lock, ist Pflicht. Ein Klappmesser ohne zuverlässige Verriegelung birgt bei der Arbeit am Wildkörper ein unkalkulierbares Verletzungsrisiko.
⁠

Das Waidbesteck: Meisterstück oder Relikt vergangener Tage?

Das traditionelle Waidbesteck besteht meist aus zwei Werkzeugen in einer gemeinsamen Scheide: dem schweren Waidblatt oder Standhauer und dem kleinen Beimesser, dem Nicker.
⁠
⁠Das Waidblatt war historisch dafür gedacht, Äste für den Standbau zu schlagen, Knochen aufzubrechen und starkes Wild notfalls abzufangen. Der Nicker übernahm die feinen Schnitte beim Ausweiden und Zerwirken.
⁠
⁠Im jagdlichen Alltag der heutigen Zeit ist das klassische Waidbesteck selten geworden. Es bringt schnell 600 bis 800 Gramm auf die Waage. Wer im Bündnerland oder im Wallis über Geröllhalden steigt, packt sich diesen Ballast nicht an den Gürtel. Auch bei der Pirsch im Waldrevier stört das wuchtige Scheidensystem oft beim lautlosen Bewegen.
⁠
⁠Seine Stärke behält das Waidbesteck in der Jagdhütte, beim Zerwirken im Zerwirkraum oder bei Nachsuchengespannen, die im dichten Dickicht ein robustes Haumesser schätzen. Es ist ein faszinierendes Stück Jagdkultur, für die meisten Reviereinsätze aber schlicht überdimensioniert.

 

Das Abfangmesser: Kriterien für den Ernstfall

Das Abfangen von wehrhaftem Wild gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben im Jagdbetrieb. Es kommt zum Einsatz, wenn verunfalltes oder krankgeschossenes Wild von Hunden gestellt wird und ein Schuss wegen der Gefährdung der Hunde oder mangelndem Kugelfang nicht möglich ist.
⁠
⁠In solchen Extremsituationen muss das Werkzeug bedingungslos funktionieren. Ein normales Jagdmesser ist hier lebensgefährlich ungeeignet.
⁠
⁠Ein taugliches Abfangmesser verlangt klare Konstruktionsmerkmale:

  • Eine Klingenlänge von mindestens 18 bis 24 Zentimetern, damit die Klinge verlässlich die lebenswichtigen Organe in der Kammer erreicht und sofortigen Blutdruckabfall bewirkt.
    ⁠
  • Eine Klingenbreite von mindestens 3 bis 4 Zentimetern für eine ausreichende Schnittwirkung.
    ⁠
  • Ein stark ausgeprägtes Parierelement. Wenn du mit Wucht zustösst und auf eine Rippe triffst, darf deine Hand unter keinen Umständen auf die geschliffene Klinge rutschen.
    ⁠
  • Einen griffigen, rutschfesten Griff, der auch bei Kälte und Nässe eine formschlüssige Führung erlaubt.
    ⁠

Schweizer Waffengesetz: Was gilt für Abfangmesser?

Wer in der Schweiz ein Abfangmesser erwirbt oder führt, muss die gesetzlichen Bestimmungen kennen. Das Schweizer Waffengesetz (WG) regelt scharfe Klingen präzise.
⁠
⁠Gemäss Art. 4 Abs. 1 Bst. c des Schweizer Waffengesetzes gelten Dolche mit einer symmetrischen und spitz zulaufenden Klinge von weniger als 30 Zentimetern Länge rechtlich als Waffen. Viele klassische Abfangmesser und Saufänger sind als zweischneidige, symmetrische Dolche konstruiert. Fallen sie unter diese Definition, greifen die Bestimmungen über den Erwerb und das Tragen von Waffen.
⁠
⁠Aus diesem Grund weichen erfahrene Nachsuchenführer und Jäger in der Schweiz häufig auf Abfangmesser mit asymmetrischer Klingenform aus. Ein breites Messer mit einer einseitig geschliffenen Klinge, gegebenenfalls mit einem kurzen, nicht durchgehenden Rückenschliff, gilt waffenrechtlich als Werkzeug und nicht als Dolchwaffe im Sinne des Gesetzes.
⁠
⁠Unabhängig davon gilt: Wer ein Messer im öffentlichen Raum transportiert, benötigt einen glaubhaften Grund. Die Fahrt ins Revier oder der Einsatz bei der Nachsuche stellt diesen legitimen Grund zweifelsfrei dar. Im Handschuhfach beim samstäglichen Einkauf in der Stadt hat ein Abfangmesser hingegen nichts verloren.
⁠

Stahl und Griff: Woran die Praxis entscheidet

Hinter Marketingbezeichnungen für Klingenstähle verbergen sich grundlegende physikalische Eigenschaften. Du musst wissen, wie sich der Stahl im Dreck und am Knochen verhält.
⁠
⁠Sehr harte Pulverstähle halten die Schärfe über mehrere Stücke Wild hinweg. Sie haben jedoch einen Nachteil: Verliert die Klinge im Revier ihren Schliff, lässt sie sich mit einem einfachen Taschenabziehstein kaum nachschärfen. Solide Werkzeug- und Edelstähle wie Sandvik 12C27, 440C oder Böhler N690 bieten einen ausgewogenen Kompromiss. Sie sind ausreichend schnitthaltig, widerstehen Korrosion durch Wildschweiss und lassen sich im Feld mit wenigen Zügen auf dem Keramikstab wieder auf Rasurschärfe bringen.
⁠
⁠Beim Griffmaterial scheiden sich die Geister. Hirschhorn verkörpert jagdliche Tradition und liegt durch seine Struktur erstaunlich gut in der Hand. Es erfordert jedoch Pflege, da Schweiss in poröse Stellen kriechen kann.
⁠
⁠Synthetische Materialien wie G10, Micarta oder gummierte Kunststoffe sind technisch überlegen. Sie quellen nicht auf, lassen sich mit heissem Wasser und Bürste desinfizieren und verzeihen es, wenn das Messer nach einem langen Jagdwochenende feucht in der Wildkammer liegt. Eine auffällige Signalfarbe am Griff, etwa Signalorange, spart zudem Nerven: Wer sein Messer beim Aufbrechen in der Dämmerung im Buchenlaub ablegt, findet ein schwarzes oder hölzernes Modell oft erst nach mühsamer Suche wieder.
⁠

Was wirklich in den Jagdrucksack gehört

Am Ende deiner Wahl steht die Erkenntnis, dass es das eine Universalmesser für sämtliche Aufgaben nicht gibt.
⁠
⁠Für den normalen Jagdbetrieb in der Schweiz, egal ob bei der herbstlichen Drückjagd im Mittelland oder beim Ansitz auf Rehwild im Bergwald, ist ein solides, feststehendes Messer mit 9 bis 10 Zentimetern Klingenlänge das zuverlässigste Werkzeug. Es bricht das Stück auf, ringelt sauber und lässt sich mühelos reinigen.
⁠
⁠Spezialwerkzeuge wie das Abfangmesser gehören in die Hände geübter Hundeführer für den gezielten Einsatz. Das Waidbesteck bleibt eine ehrwürdige Handwerkskunst, die ihren Platz im Jagdzimmer oder Zerwirkraum findet. Wähle dein Werkzeug nach deiner tatsächlichen Praxis aus, pflege die Schärfe regelmässig und beherrsche die Handgriffe am Stück. Darauf kommt es im Revier an.
⁠

Welche Klingenlänge ist ideal für ein Jagdmesser zum Aufbrechen?

Für Schalenwild in der Schweiz liegt die ideale Klingenlänge zwischen 8 und 10 Zentimetern. Kürzere Klingen lassen sich präziser führen und verhindern Verletzungen der inneren Organe beim Aufbrechen.
⁠

Gilt jedes Abfangmesser in der Schweiz als Waffe?

Nein. Als Waffe gemäss Schweizer Waffengesetz gelten Dolche mit symmetrischer, spitz zulaufender Klinge von unter 30 Zentimetern Länge. Weist das Abfangmesser eine asymmetrische Klingenform oder einen einseitigen Schliff auf, gilt es waffenrechtlich als Werkzeug.
⁠

Was ist der Unterschied zwischen Aufbrechklinge und Drop Point Klinge?

Eine Drop Point Klinge ist die universelle Hauptklinge mit leicht nach unten gezogenem Rücken. Eine Aufbrechklinge, oft mit abgerundeter Spitze oder stumpfem Knopf, dient ausschliesslich dem Aufschärfen der Bauchdecke, ohne den Pansen oder Därme zu beschädigen.
⁠

Welches Griffmaterial ist hygienischer: Holz, Hirschhorn oder Kunststoff?

Kunststoffe wie G10, Micarta oder gummierte Griffe sind deutlich hygienischer. Sie nehmen keine Flüssigkeiten wie Schweiss oder Feist auf und lassen sich problemlos mit kochendem Wasser sowie Desinfektionsmitteln reinigen.
⁠

Lohnt sich ein Klappmesser für die Bergjagd?

Ja, bei der Jagd im Gebirge spart ein Klappmesser Platz und Gewicht im Rucksack. Voraussetzung ist eine stabile Klingenverriegelung und die Bereitschaft, das Klappgelenk nach dem Einsatz sorgfältig von Verschmutzungen zu befreien.
⁠
⁠
Jetzt unser Messer-Sortiment entdecken »